Schweizerdeutsch
Alles was Deutsche die sich damit beschäftigen, über Schweizerdeutsch wissen sollten. Oder: was ich schon immer über Schweizerdeutsch schreiben wollte.
Kurze Geschichte der deutschen Dialekte
Die Grundlage der deutschen Sprachgeographie ist ein Dialektkontinuum (dranbleiben, es wird gleich erklärt): Jedes Dorf, jede Stadt und manchmal jedes Quartier einer Stadt, spricht einen leicht anderen Dialekt. Jedes Dorf versteht das nächste, doch je weiter man reist, desto anders ist die Sprache.
Zu Vereinheitlichungen kam es durch die Verschriftlichung des Alltags und durch die Staatenbildung. Als Luther die Bibel übersetze, verwendete er von vielen Wörtern die für die meisten Menschen verständliche Variante. Im 17. und 18. Jahrhundert gab es erste Normungsansätze der deutschen Sprache.
Im 19. Jahrhundert wurde das deutsche Reich gegründet, damit einhergehend wurde Deutsch für ganz Deutschland immer einheitlicher. Parallel dazu entwickelten sich in Österreich und in der Schweiz eigene Sprachvarianten. Man spricht nun von einer plurizentrischen Sprache.
Im 20. Jahrhundert entwickelten sich in Deutschland und in der Schweiz zwei verschiedene Haltungen zum Dialekt. In Deutschland ist er weitgehend verpönt, manche Eltern erziehen ihre Kinder nur auf Hochdeutsch, damit sie bestmögliche Chancen im Leben haben, nur wenige Regionen konnten sich einen stolzen Dialektgebrauch erhalten.
In der Schweiz das umgekehrte: Hochdeutsch ist etwas künstliches, das man im Schulunterricht lernt und meist nur holprig spricht. War Hochdeutsch lange selbstverständliche Schrift- und Mediensprache, so ist der Dialektgebrauch heute noch selbstverständlicher, er ist nicht nur oft Chat- und SMS-Sprache, sondern auch in immer mehr Fernsehsendungen zu hören.
Was ist Schweizerdeutsch?
Es gibt nicht «das Schweizerdeutsch». Schweizerdeutsch ist nur ein Sammelbegriff für die in der politischen Einheit Schweiz gesprochenen Dialekte. Konkrete Dialekte gibt es viele, sie werden entweder nach Städten oder Regionen benannt: Baseldeutsch, Zürichdeutsch, Berndeutsch, Walliserdeutsch, Bündnerdeutsch - um nur einige zu nennen.
Trotz Dialektkontinuum lassen sich gewisse Linien auf der Karte ausmachen, nördlich spricht man ein Wort so aus und südlich anders. Diese dialektischen Bruchstellen machen nicht vor Landesgrenzen Halt. In der Schweiz findet man in den Alpen höchstalemannische Dialekte, weit verbreitet sind Dialekte die dem hochalemannischen zugerechnet werden - und in der Region Basel spricht man niederalemannische Dialekte die vorwiegend in Süddeutschland anzutreffen sind.
Schweizer Hochdeutsch
In der Schweiz wird ein Hochdeutsch mit eigenen Varianten verwendet. Wir schreiben «parkieren» statt «parken», «grillieren» statt "grillen". Zum Schweizer Hochdeutsch gehören auch diverse Lehnwörter aus dem französischen und italienischen, z.B. sagen wir «Velo» statt «Fahrrad».
Wem das suspekt ist: Es gibt inzwischen ein Wörterbuch, das sich alleine diesen Varianten widmet.
Helvetismen
Schafft es ein Schweizer Wort in den Standard der deutschen deutschen Sprache - ein Lehnwort aus der Schweiz - wird es Helvetismus genannt. Bekanntes Bespiel ist das «Müesli», welches als «Müsli» Eingang in den Sprachgebrauch in Deutschland gefunden hat.
Fun Fact: Bestellt ein Deutscher in der Schweiz ein Müsli, hört sich das für uns komisch an, ist «Müsli» doch ein Dialektwort für Mäuschen.
Warum verwechseln Deutsche Schweizerdeutsch so gerne mit Schweizer Hochdeutsch?
Kaya Yanar behauptet in einer seiner Shows, es liege an Emil, dem in den 70er Jahren über die Schweizer Grenzen hinaus bekannt gewordenen Komiker. Schaut man sich Aufnahmen von Emil an, verwundert das nicht. Er spricht Hochdeutsch mit Akzent. Und gibt sich dabei überhaupt keine Mühe den Akzent zu minimieren, er betont ihn geradezu. Das mag seine Figuren unterstützt haben, gab aber auch vielen Deutschen Grund zur Annahme, es handle sich um Schweizerdeutsch.
Zum Schluss: Wie schreibt man «Schweizerdeutsch» korrekt?
Kurze Antwort:
Schweizerdeutsch
Lange Antwort
Es gibt als Sammelbegriff für die in der Schweiz gesprochenen Dialekte ein hochdeutsches Wort: Schweizerdeutsch. Bitte verwenden Sie dieses.
Die Sachlage ist allerdings nicht ganz so klar wie mir das lieb wäre. Oft wird «Schwyzerdütsch» geschrieben, manchmal mit i statt y, t statt d, zwei ü statt einem - da es für die diversen Dialekte keine Rechtschreiberegeln gibt, gibt es hierzu auch kein richtig oder falsch. Manchmal wird es auch mit Anführungszeichen geschrieben. Die Frage bleibt: Wieso schreibt man «Schweizerdeutsch» als einziges Wort in einem hochdeutschen Satz auf schweizerdeutsch? Man schreibt auch nicht von den Schulfächern Francais und English.
Trotzdem komme ich um Nachsicht nicht herum. Denn selbst in der NZZ (ein Schweizer Hort der Rechtschreibung, der sogar eigene Varianten pflegt und begründet) habe ich in einem Artikel schon drei verschiedene Schreibweisen gesehen(!).
Mein Appell bleibt: bitte schreiben Sie das Wort «Schweizerdeutsch» in hochdeutschen Texten auf Hochdeutsch.